Das Königreich der Hertzen

Als am Morgen des 5. April 2017 die ersten Schüler unser Schulgebäude erreichten, fielen dem einen oder anderen aufmerksamen Beobachter grundlegende Veränderungen ins Auge. Neben dem Eingangsportal, einem sonst eher tristen und kargen Ort, saßen plötzlich zwei Personen, die ihre gesamte Umgebung in royalem Glanz erstrahlen ließen und von ihren treuen, ergiebigen Getreuen und Leibwächtern umgeben wurden. Dieser Umstand und jener, dass man noch vor Betreten des Gebäudes einen kleinen Zettel mit einer Raumnummer in die Hand gedrückt bekam, ließ nur einen Schluss zu: es war mal wieder Abistreich.

 

Begab man sich daraufhin nun in die Schule, wurde das majestätische Motto dieses Tages auch dem letzten Schüler klar. Für einen Tag wurde in unserer schönen Schule eine Monarchie errichtet, geführt von seiner Hoheit König Jonas I. und seiner Gemahlin Justusse, für deren Schönheit keine Sprache dieser Welt Worte zu finden vermag. Doch mussten sich die einfachen Untertanen noch gedulden, bis sie in den Genuss des Lebens unter unserem gerechten und gottgewählten König kommen durften. Denn erst in der Frühstückspause offenbarte sich ihnen, worum es sich bei jenen ominösen Nummern handelte, die man am Morgen verteilt hatte. Diese nämlich bezeichneten nichts weniger als den Raum, in dem sie an jenem Donnerstag in ihr royales Abenteuer starten sollten. Die Regeln dafür wurden in einer auf keinen Fall vorher aufgezeichneten Echtzeitübertragung aus der königlichen Sauna von seiner Hoheit Jonas I. höchstpersönlich erläutert: die Schule war in unterschiedliche Klassen aufgeteilt, so befanden sich im Erdgeschoss die Bauern, darüber die Bürger und in der obersten Etage der Adel. Jedoch war die zufällige Kaste, in die man zu Beginn hereingeboren wurde, kein Grund zu verzagen: in den Räumen fanden Spiele statt, nach deren Ergebnis die mit der Macht des Königs und seiner gottgegebenen Gerechtigkeit ausgestatteten Statthalter entschieden, wer auf- und wer absteigen durfte. So konnte sich ein simpler Bauer seinen Weg in den Hochadel bahnen, während ein geborener Adliger bis in die karge Landarbeit abrutschen konnte. Aber selbst in den dunkelsten Ecken der untersten Klassen gab es stets Hoffnung am Horizont, denn der König und sein Gefolge zogen von Raum zu Raum und beglückten ihre sofort auf die Knie fallenden Untertanen mit ihrer Pracht - und Süßigkeiten, die sie als Zeichen ihrer unendlichen Güte in die Menge warfen.

Wer nun aber denkt, das Spektakel sei mit dem Pausenklingeln wieder vorbei gewesen, der irrt gewaltig, denn da steuerte das Abenteuer des Königreichs auf seinen Höhepunkt zu. Gegner der Monarchie begannen, gegen die Majestät zu rebellieren und stießen dabei auf den erbitterten Widerstand der Königstreuen, woraufhin sie sich in mehreren spannenden Wettkämpfen die Stirn boten. Beide Seiten stritten mit voller Kraft, doch letztendlich triumphierten die Getreuen, zweifelsohne auch dank der stetigen Unterstützung ihres über alles geliebten Herrschers.

Die Organisatoren der schülerseitigen Machtübernahme verweilten noch auf dem Hof, zelebrierten bei Speis und Trank das Ende von zwölf Jahren Schulbankdrücken und gaben die Macht zurück an die Aristokraten ihrer eigenen Schulzeit. An die allseits geliebte Lehrerschaft.

Alexander & Maria, Hofchronisten des Königs Jonas I.