... und die neuen Rahmenlehrpläne

Im Schuljahr (2006/7) legten die ersten Berliner Gymnasiasten eine landesweit einheitliche Abiturprüfung ab, die neuen Rahmenlehrpläne fordern deshalb einen grundsätzlichen Wandel in der Denkweise, da nun im Zentrum des Unterrichts die Entwicklung von Kompetenzen bei den Schülern steht, die dann an Bildungsstandards gemessen werden.

Zwar sind die Fächer Geschichte, Geographie und Politikwissenschaft vom Zentralabitur nicht betroffen, aber die neuen Rahmenlehrpläne beschreiten ebenfalls diesen Paradigmenwechsel in der Curriculumsgestaltung, da sie standard-, kompetenz- und output-orientiert sind und damit von den traditionellen lernzielorientierten Stoffplänen Abstand nehmen. Die Vorstellung, man könne lebenslang von einem Wissensvorrat zehren, ist längst überholt. Stattdessen erlangen Schüler methodisches Wissen und Können und bilden Sach-, Methoden-, Orientierungs- und Urteilskompetenz aus, um sich Neues zu erschließen. Dabei ist vorgesehen, dass nur noch 60 % der Inhalte durch die Rahmenlehrpläne vorgegeben werden, dies ist in den RLP Geschichte, Geographie und Politikwissenschaft auch so umgesetzt, so dass nur rund 3/5 aller Inhalte vorgegeben sind, den Rest können die Schulen, je nach Profil, Projekten oder Vorlieben oder die Fachbereiche vor Ort in Zusammenarbeit mit den Schülerinnen und Schülern festlegen. Die Rahmenlehrpläne enthalten deshalb Wahlmodule, die Orientierung bieten sollen, es können aber auch freie Themen vor Ort definiert werden. Dies ist keine Beliebigkeit, sondern demokratische, standortnahe Umsetzung des neuen Schulgesetzes und Einsicht in die Erkenntnis, dass im Zeitalter der Globalisierung ein chronologisch festgelegter Kanon in einer demokratischen Gesellschaft wohl kaum zu 100 % vorgegeben werden kann. Dadurch entsteht auch kein Niveauverlust - wie dies oftmals seitens der Lehrerschaft beklagt wurde -, sondern es entsteht endlich eine Akzentverschiebung hin zu mehr Schülerorientierung. Diese große Lehrplan-Freiheit stellt demnach eine Chance dar, Wissen ohne Gegenwarts- oder Zukunftsbezug und überkommene Strukturen durch modernere Inhalte zu ersetzen. Außerdem stellt es für die einzelnen Schulen einerseits eine Gelegenheit andererseits eine Verpflichtung dar, dass die Kollegen sich vor Ort zusammensetzen und zusätzlich zum Pflichtcurriculum ihr eigenes Wahl-Curriculum ausarbeiten.

 

Der RLP Geschichte

Der Geschichtsrahmenlehrplan geht dabei von der Annahme aus, dass alle Aussagen über Geschichte eine erzählende Struktur besitzen. Verschiedene Ereignisse, Verhältnisse und Veränderungen der Vergangenheit können in ihrer Darstellung so miteinander verbunden werden, dass daraus die Vorstellung eines zeitlichen Ablaufs entsteht, der Sinn macht. Das reflektierte historische Erzählen als sinnbildende Darstellung von Geschichte meint nicht die Lehrererzählung, eine (literarische) Textgattung oder die Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts, sondern die logische Struktur historischen Denkens, das zwischen mindestens zwei verschiedenen Sachverhalten sinnvolle und nachvollziehbare temporale und kausale Verknüpfungen herstellt. Historisches Wissen ist deshalb narratives Wissen.

Die Lernenden erwerben während der vier Semester bis zum Abitur daher verschiedene Kompetenzen im Sinne eines outputorientierten, erweiterten Lernbegriffs: Methodenkompetenz, d.h. sie stellen selbstständig Fragen an die Vergangenheit und beantworten sie quellenorientiert und methodengestützt; Analyse- und Deutungskompetenz, d.h., sie beurteilen wissenschaftliche und geschichtskulturelle Darstellungen und Deutungen auf ihre Voraussetzungen, Strategien und Absichten hin und Urteils- und Orientierungskompetenz, d.h., aus der Beschäftigung mit historischen Zeugnissen gelangen sie zur reflektierten und vernunftgeleiteten (Wert-) Urteilsbildung und zur individuellen Identitätsbildung. Die zentrale Kompetenz ist dann das reflektierte historische Erzählen, die sinnbildende Darstellung von Geschichte.

 

Der RLP Politikwissenschaft

Der Rahmenlehrplan Politikwissenschaft definiert als zentrale Kompetenz des Faches die politische Mündigkeit als Orientierungs-, Analyse-, Beurteilungs- und Handlungskompetenz in Bezug auf regionale, nationale, europäische und internationale Politikfelder in einer globalisierten Welt. Diese zentrale Kompetenz leitet den vernetzten, kumulativen Lernprozess. Sie soll am Ende der Schullaufbahn den Schülern als Disposition inhärent sein, so dass sie die Grundprobleme der heutigen und zukünftigen Welt im Bereich Politik bewältigen und dadurch ihre Rolle als mündige Bürger in einer demokratischen Gesellschaft aktiv gestalten können. Die zentrale Kompetenz steht unweigerlich im Zusammenhang mit der zentralen Problematik, in der heutige Schüler stehen und für die sie Problemlösungskompetenz erlangen müssen: Alle kommunalen, föderalen und nationalen Probleme in Deutschland sind in der Gegenwart und auch in absehbarer Zukunft von europäischen und internationalen Prozessen beeinflusst. Der Schüler steht als Individuum und als Bürger nicht nur in komplexen lokalen, regionalen oder nationalen Partizipations- und Entscheidungsprozessen, sondern all diese Situationen sind stets mit europäischen und internationalen institutionellen oder konfliktuellen Gegebenheiten verbunden: Der heutige und zukünftige Bürger wird daher für eine globalisierte Welt qualifiziert. Alle anderen Kompetenzen sind auf diese zentrale Kompetenz hin ausgerichtet. Die fachbezogenen Kompetenzen sind dabei das Ergebnis des Zusammenwirkens aus den Fachwissenschaften abgeleiteter Inhalte und methodischer, sozialer und personaler Fähigkeiten, die output-orientiert und gestuft für alle vier Semester der Qualifikationsphase (und den Profilkurs) formuliert worden sind. Verstärkend können in diesem Sinne fachübergreifende und fächerverbindende Unterrichtsvorhaben wirken. Folgt der Unterricht der in der Spalte Kompetenzentwicklung vorgeschlagenen Zielkompetenz, dann entsteht ein Prozess kumulativen, systematisch vernetzten und gestuften Lernens.

Die weitgehend input- und lernzielorientierten Stoffpläne der ehemaligen Fächer Geschichte und Politische Weltkunde wurden dadurch in Berlin ab dem Schuljahr 2005/06 durch outputorientierte, kompetenzgeleitete Rahmenlehrplänen ersetzt, in denen sowohl das Profil der jeweiligen Fächer (Geschichte, Geographie und Politikwissenschaft) gestärkt wurde, als auch die fachdidaktischen und fachmethodischen Erkenntnisse der letzten 15 Jahren berücksichtigt wurden.